
Wenn alles drängt, drückt, droht
Ich hörte mich aufstöhnen: „Ich kann nicht mehr, und ich will nicht mehr!“ Ich wandte mich an Menschen. „Das schaffst du. Du hast es immer geschafft. Und sooo schlimm ist das alles ja gar nicht. Dir wird ja schnell alles zu viel.“ Das stimmte, ja. Aber es half nicht. Ich wandte mich ab. Fühlte mich unverstanden. Dann wurde mir klar. Da kann nur einer helfen. Und an den wandte ich mich. Jesus. Nervös suchte ich seinen verständnisvollen Blick, ungeduldig wartete ich auf ein lösendes Wort. Doch er sagte nichts. Lange sagte er nichts. Oder hörte ich nur nichts, weil Hirn und Herz prallvoll waren mit anderen Worten?
Dann, endlich, war da ein Wort. Eins nur. „Komm!“ Und ich folgte. Folgte ihm aus meiner Aufgeregtheit in seine Gelassenheit, aus meinen Befürchtungen in seine fürsorgliche Liebe, aus dem allzu irdischen Lärm meines Alltags in seine himmlische Stille. Setzte mich an meinen Lieblingsplatz. Sperrte die Tür zu. Faltete die Hände. Atmete tief aus und wieder ein. Sprach ein Herzensgebet. „Du bist da. Ich bin da.“ Sprach es immer wieder, bei jedem Ausatmen, bei jedem Einatmen. „Du bist da. Ich bin da.“ Und erlebte, wie meine flatternden Nerven sich nach und nach entspannten. Er war da. Und ich war da. Immer mehr. Immer spürbarer.
Ich sah, wie er mich liebevoll anschaute. Verständnisvoll. Ich wollte etwas sagen, etwas erklären, und wusste doch gleich, dass ich das gar nicht musste. Er hatte längst verstanden. Wie gut das tat!
Am liebsten wäre ich hier geblieben, ein ganzes Leben lang und weit darüber hinaus. Doch ich wusste schon, dass er mich gleich zurück schicken würde an meinen Schreibtisch, zu meinen Aufgaben, meinen Herausforderungen, meinen Menschen. Doch erst einmal ließ er mich ausspannen und beten und staunen. Erst einmal atmete meine Zeit seine Ewigkeit. Erst einmal lernte ich neu, das Drängende und Bedrängende vom wirklich Wichtigen zu unterscheiden.
Als Marta war ich gekommen, nun war ich Maria. Saß zu seinen Füßen und saugte seine Worte in mich auf. Seine Worte und sein Wesen. Jesus, der Stilleschenker, der Atemgeber. Ich weiß nicht, wie lange ich hier gesessen habe. Irgendwann sagte er wieder „Komm!“. Nicht „Geh!“. Nicht „Mach‘s gut! Auf bald!“. Und ich sah förmlich, wie er die Hand ausstreckte und mich hochzog und sich mit mir auf den Weg machte. Er schickte mich nicht, er ging mit. Er war mir sogar immer schon einen Schritt voraus. Ich wusste: Wo immer ich in den nächsten Stunden hinkomme – er ist schon da. Hat alles vorbereitet.
Auf meinem Schreibtisch hatte sich nichts verändert auf den ersten Blick. Aber ich hatte mich verändert. Die Sitzungen waren immer noch da, die Sendung, die Liste mit den Anrufen. Aber alles hatte seine bedrohliche Macht verloren. Allein hatte ich meine Welt verlassen, zu zweit war ich zurückgekehrt. Zu zweit würden wir‘s anpacken, würden wir stemmen, was mir aufgetragen war.
Und alles ging leichter von der Hand.
Jürgen Werth